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Kienberg

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Kienberg

 

Die ehemalige Gutssiedlung liegt im so genannten Teufelsbruch, zwischen dem Waldgebiet Jäglitz und dem Havelländischen Luch, von Nauen aus gesehen gleich hinter der Funkstation. Besonders im Herbst sind von hier großartige Naturschauspiele zu beobachten, wenn die Kraniche gegen Süden ziehen.

 

König Friedrich Wilhelm I. kaufte Grünefelder und Börnicker Wiesen und ließ um 1718 Kienberg anlegen. Seit der Zeit um 1775 galt Kienberg als Vorwerk. Aber erst 1837 erlangte Kienberg die Selbständigkeit gegenüber dem einige Kilometer entfernten Amt Königshorst. Zu dieser Zeit hatte ein Herr Meyer Kienberg gepachtet. Herr Meyer hatte den Plan, eine Brennerei zu errichten, um in nassen Jahren den Heuertrag zu ersetzen. Dieser Vorschlag wurde von der Regierung nicht bewilligt, weil Kienberg wenig Kartoffelland hatte, und von den anderen Orten sehr schwer Kartoffeln zu beschaffen waren. Meyer bewirtschaftete Kienberg als ein intelligenter Mann sehr gut und wollte auch Butter zur Königlichen Küche liefern. Aber nur Königshorst hatte eine solche Erlaubnis. Dafür wurde der Milchverkauf eingeführt. Der Pächter Meyer richtete auch ein kleines Gestüt von Rennpferden ein, mit denen er die meisten Rennbahnen besuchte. Selbst die Rennbahnen in England hatte er bereist, zu welchem Zweck er sich einen Sommer einen englischen Hauslehrer hielt.

 

Berliner Jagdpächter nutzten seit vielen Jahren die um Kienberg reichhaltige Natur und jagen Birk- und Rebhühner, Trappen, Rehe und Wildschweine. Außerdem halten sich im Luch viele Kibitze und Schnepfen auf, deren Eier eifrig gesucht und für gutes Geld nach Berlin geschafft wurden. Im Frühjahr blühte hier immer der Flieder herrlich. Die Fliederfrauen fanden sich zu dieser Jahreszeit stets ein, zu meist aus Nauen, um den Flieder abzuschneiden. Sie erhielten die Erlaubnis dazu gern,  machten sie doch in Berlin damit gute Geschäfte. Auch Morcheln wurden in der Grünefelder Heide gefunden. Diese kostbaren Pilze brachte man natürlich ebenfalls in die Reichshauptstadt.

 

Im Sommer 1911 breitete Kienberg der Wassermangel viel Sorge. Erbarmungslos hatte die sengende Sonne jeden Tropfen aus Feld und Wiesen gesogen, und Fontane würde sein teures Havelland wohl anders beschrieben haben. Graue Streifen, von breiten Rissen durchzogen, so lagen die Gräben da. Der Hauptkanal und der kleine Kanal zeigten nur ganz vereinzelt noch winzige Lachen. Die Grünefelder Trift, die in den Frühlingsmonaten so frisch und grün die Schafe zum Weiden einlud, war zur öden Sandwüste geworden. Die torfige Oberschicht brannte bis zu einer Tiefe von 3/4 m aus, und weite Strecken glichen ständig rauchenden Aschehaufen. Dies hatte für den nächsten Winter schlimme Folgen, weil der Torf damals ein unverzichtbares Feuerungsmittel war.

 

Der Kienberger Lehrer Hinze schrieb im Jahre 1912 folgendes: „Am 30. März stürzte infolge eines überaus heftigen Sturmes der etwa 200 m hohe Turm der Funkstation ein. Man hatte einige Monate vorher auf den ursprünglichen 100 m - Turm einen Aufbau gesetzt, so dass die Gesamthöhe 196 m betrug. Drei mächtige Stahltrossen hielten den gewaltigen Turm. Höchst seltsam war der Fall: die untere, ursprüngliche Turmhälfte lag hinter den Gebäuden. Ohne auch nur das Dach zu beschädigen, war der obere Turm in weitem Bogen über das Hauptgebäude hinweg geschossen. Der Lokalanzeiger nannte Nauen stolz die Stadt der Turmeinstürze. (Leider hat es sich die Stadt nicht nehmen lassen, den Rathausturm in alter Schönheit wieder erstehen zu lassen, nachdem ihn höhere Gewalt jämmerlich zu Fall gebracht.)“

 

Da mit dem Ausbruch des I. Weltkrieges die englische Hungerblockade einsetzte, ging man daran, Ödland in Kulturland zu verwandeln. „Im Frühjahr 1915 begann nun die große Umwälzung - die Urbarmachung des Luchs im Osthavelland.“, so berichtete die damalige Lehrerin Gertrud Wehn in der Chronik, „Wer diese Jahre in Kienberg miterleben durfte, der hat etwas Großes gesehen. Es begann ein wahrhaft fieberhaftes Arbeiten. Galt es doch die kultivierten Flächen möglichst bald ertragbar zu machen, damit sie ihrem Zwecke, das Vaterland vor dem Hungerkriege der Engländer zu schützen, dienen konnten. Hunderte von Kriegsgefangenen waren im Luch verteilt und mussten Gräben schaffen zum Abzug für die ungeheuren Wassermengen des Luchs. Sobald sich der unermüdliche Frühjahrsregen etwas gelegt hatte, wurde mit dem Bau der Feldbahn begonnen, um die großen Entfernungen zu überwinden. In der Nähe von dem heutigen Teufelshof wurde ein Dampfpumpwerk gebaut mit 200 Liter Leistung in der Sekunde. Es entstanden die beiden neuen Gehöfte Ebereschenhof und Teufelshof, vorläufig benannt nach dem Ebereschendamm und Teufelsluch. Auch hinter der Front wird gekämpft und gesiegt, nicht mit der Waffe in der Hand, sondern mit Pflug und Egge.“

 

Bis 1932 wurde das Gut Kienberg verpachtet. Der letzte Pächter war ein Herr Volckmann, de viel Gutes für den Ort tat. Seit 1932 hatte es der Staat in Selbstbewirtschaftung. Im Sommer 1932 wurde in der hiesigen Trockenanlage ein Arbeitsdienstlager der NSDAP eingerichtet. 1939 begann der Krieg. Auch Kienberg veränderte in vielen Zügen sein Gesicht. Eingezogen wurden anfänglich nur wenige Einwohner, aber es begann bald die Einziehung der Jugend. Auf dem Gut arbeiteten im Sommer Italiener. Im Jahr 1941 zog Militär ins Dorf ein. In der Nähe der Hitlereiche wurden Baracken gebaut. Abends fanden oft Übungen bei den Scheinwerfern statt. Ende 1940 und `41 flogen die Engländer ziemlich oft ein. So manche Granate fiel in die Anlagen hinter Grünefeld und Paaren und in den Krämer. Hier sind bei Teufelshof und Ebereschenhof Bomben geworfen worden. Im Herbst 1941 wurde das Militär wieder zurückgezogen, hauptsächlich wegen Unstimmigkeiten mit dem hiesigen Wirt.

 

Aus den Siedlern von 1945 und den ansässigen Kienberger Bauern bildete sich im Laufe der Zeit ein Großbetrieb, die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), der wirtschaftsmäßig auch Grünefeld mit angehörte. Ebereschenhof wurde ein Berliner Stadtgut. Der größte Teil der Bürger der Gemeinde arbeitete in der Genossenschaft. In Kienberg hat sich eine augenscheinliche Veränderung vollzogen. Am Eingang des Dorfes (Ostseite) wurde 1963 ein Wohnblock errichtet. 1965 verschwanden in der Dorfmitte Überreste einer ehemaligen Schnitterkaserne. Auf den Grundmauern entstand ein moderner Flachbau, in dem ein Konsum, Räume der Bürgermeisterei, die Post, eine Bibliothek, ein Arztzimmer, Räume für einen Schulhort und eine Wohnung untergebracht wurden. Das ehemalige Gutshaus beherbergte das Büro der Genossenschaft, den Kindergarten und die Kinderkrippe. Am Ende des Dorfes in Richtung Teufelshof wurde ein Jungviehkombinat für Tiere erbaut.

 

Nach der Wende entstand ein neues Wohngebiet am Anfang des Ortes. Im Zuge der Gemeindegebietsreform 2003 wurde Kienberg entgegen dem Widerstand des Ortes eingemeindet und ist nun Nauen zugehörig.